Krankenhäuser

Mehrweg macht Operationen billiger

Lesezeit:
3 minuten

8 February 2017

Titelbild: sasint/Pixabay

Gerade bei sogenannten Katheterablationen beziffert Prof. Wilfried von Eiff das Einsparpotenzial auf bis zu 28 Millionen Euro

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8 February 2017
Prof. Dr. Dr. Wilfried von Eiff vom Ludwig Fresenius Center for Health Care Management and Regulation hat ein besonderes Einsparpotenzial untersucht: Einwegprodukte in Krankenhäusern. Im Interview erklärt er, wie hier Millionen gespart werden können, ohne dass die Versorgung der Patienten leidet – und wieso dennoch eine ethische Diskussion nötig ist

Herr von Eiff, Sie sagen, im Gesundheitswesen sind Einsparungen in Millionenhöhe relativ einfach möglich – wie?

Verkürzt gesagt: Indem man ausgewählte Einwegprodukte, für die ein validiertes Aufbereitungsverfahren vorliegt, von einem zertifizierten Dienstleister aufbereiten lässt.

Das müssen sie genauer erklären. Einwegprodukte sind doch aus einem bestimmten Grund „Einweg“.

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Zunächst muss man feststellen, dass das Thema der Aufbereitung von Einwegprodukten an sich in der Fachwelt umstritten ist. Zum einen gibt es Produkte, die lassen sich nicht wiederverwenden, weil es Konstruktion oder Materialien nicht zulassen oder es schlicht nicht wirtschaftlich wäre. Auch Implantate, wie zum Beispiel Herzschrittmacher, wird man aus ethischen Gründen nicht aufbereiten.

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Was bleibt dann übrig?

Mir geht es ausschließlich um die Aufbereitung nach einem validierten Verfahren, das ist enorm wichtig zu sagen. Das bedeutet, dass man jedes Einmalprodukt, das in Krankenhäusern verwendet wird, aufbereiten kann und darf – wenn man dafür von einer zertifizierten Prüfstelle eine Zulassung erhalten hat. Die erfolgt zudem nur einzeln für ein spezifisches Produkt von einem definierten Hersteller. Jede andere Form von Aufbereitung, die nicht durch ein validiertes Verfahren erfolgt, lehne ich ab. Letztlich geht es um etwa fünf bis zehn Prozent aller Einwegprodukte, die so wiederverwendet werden können. Diese Schätzung ist aber mit viel Vorsicht zu genießen. Schließlich verändert sich mit jeder konstruktiven, funktionalen Änderung, jeder Innovation die Zahl der sicheren Wiederaufbereitungs-Zyklen.

Und mit dieser kleinen Gruppe und trotz all dieser Einschränkungen soll man Kosten im achtstelligen Bereich sparen können?

Ein Beispiel: Bei einer Katheter-Ablation braucht man drei bis vier Katheter, die etwa 3500 Euro kosten. Bei einem Erlös von 8000 Euro ist das ein großer Kostenblock. Bereitet man die Katheter auf, sinkt dieser auf 800 Euro. Insgesamt ist bei dieser Intervention, die über 50.000 Mal in Deutschland durchgeführt wird, eine Einsparung durch eine Aufbereitung der Katheter in einer Größenordnung von 16 bis 28 Millionen Euro möglich.

Wie kann man dieses Potenzial nutzen?

Zunächst sind natürlich die Hersteller gefragt: Ich wünsche mir, dass sie von vornherein sogenannte Limited-Patient-Use-Produkte entwickeln, bei denen sie eine definierte Anzahl an Wiederaufbereitungszyklen garantiert ist – immer natürlich unter der Prämisse, dass es kein Risiko für den Patienten gibt und es ökonomisch attraktiv ist.

Heißt für die Hersteller „ökonomisch attraktiv“ nicht, möglichst viele Einweg-Katheter zu verkaufen, die sofort weggeschmissen werden?

Nicht, wenn man statt für den Katheter für dessen Nutzung zahlt und die Aufbereitungskosten Teil des Verkaufspreises sind. Dann lohnt sich das für alle Seiten. Es stimmt, derzeit gibt es noch nicht so viele dieser Produkte. Das liegt aber vor allem daran, dass sie neu entwickelt werden müssen. Das kostet Zeit und Geld. Ich glaube dennoch, dass diese Artikel sich am Markt durchsetzen werden. Beispielsweise hat Stryker, einer der größten Hersteller von Einwegprodukten, vor zwei Jahren den größten US-amerikanischen Dienstleister für Aufbereitung ASCENT aufgekauft. Nach der Übernahme hätte man das Unternehmen liquidieren können, um die Konkurrenz durch Aufbereitung auszuschalten. Stryker hat die Firma behalten – und nutzt deren Erfahrung, um Produkte auf den Markt zu bringen, die komplett oder teilweise aufbereitet werden können.

Aber verdienen an der Aufbereitung nicht vor allem jene Dienstleister? Wo bleibt da der Anreiz für die eigentlichen Hersteller?

Man muss das auch von einer anderen Seite betrachten: Was nützt es, teure Einwegprodukte anzubieten, wenn die Krankenhäuser sie nicht mehr bezahlen können? In Österreich beispielsweise ist die Wiederaufbereitung von Einwegprodukten strikt verboten. In der Folge werden bestimmte Eingriffe einfach seltener durchgeführt, weil sie in der Regel zu teuer sind. Ergo verkaufen die Hersteller auch weniger. Und spätestens da beginnt auch die ethische Diskussion.

Wieso?

Weil es nicht sein kann, dass man Patienten bestimmte Eingriffe aus Kostengründen vorenthält. Wir müssen für den Patienten das tun, was die Indikation empfiehlt und vor vermeidbaren Risiken sowie unnötigen Ängsten, Schmerzen oder Verlängerungen der Verweildauer bewahrt.

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Kann der zusätzliche Dienstleister da aber nicht auch zum Problem werden, gerade wenn man an die Diskussion um multiresistente Keime denkt?

Die logistische Versorgungskette wird komplexer, aber genau dafür gibt es die strengen Vorgaben mit dem validierten Verfahren. Die Katheter zum Beispiel müssen bereits im Krankenhaus vorgereinigt werden. Verkürzt gesagt: Der Dienstleister holt sie dann ab, sortiert defekte Produkte oder solche, die nicht mehr aufbereitet werden können, aus, reinigt sie, führt eine Funktionsüberprüfung durch und verpackt sie wieder steril. Zudem ist jedes Teil nach- und zurückverfolgbar. Wenn dieses Verfahren eingehalten und kontrolliert wird, dann hat man auch kein Problem mit Keimen oder andere Handhabungs- oder Funktionalitätsprobleme.

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