Klimapolitik

Über „Fridays for Future“ in Kenia

Lesezeit:
6 minuten

6 September 2019

Titelbild: Avel Chuklanov/Unsplash

Auch in Nairobi finden inzwischen Proteste im Rahmen von „Fridays for Future“ statt. Dafür hat auch die Arbeit der Jugenddelegierten Rebecca Freitag gesorgt

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6 September 2019
Rebecca Freitag ist Jugenddelegierte für Nachhaltige Entwicklung – und war als solche bei einer Klimakonferenz in Nairobi. Dort hat sie versucht, die Proteste von „Fridays for Future“ auf die Straße zu bringen. Wie sie das geschafft hat und was sie dabei über Privilegien gelernt hat, erzählt sie exklusiv für enorm

Als ich höre, dass der große internationale Streiktag von „Fridays for Future“ (FFF) auf den 15. März fällt, bin ich traurig. Denn zu diesem Zeitpunkt soll ich in Nairobi bei der „UN Environmental Assembly“ (UNEA) sein. Diese Versammlung der Vereinten Nationen ist deren mächtigste und wichtigste Institution, wenn es um Umweltthemen geht. Hier setze ich mich gemeinsam mit Felix Kaminski als Deutschlands UN-Jugenddelegierte für Nachhaltige Entwicklung für die Interessen junger Menschen ein.

Aber den vermutlich größten Streik für das Klima in der Geschichte zu verpassen? Für mich keine Option. Meine Mission wird es deswegen, die Botschaft der Fridays-for-Future-Bewegung in die UNEA zu bringen – und dafür zu sorgen, dass die mehr als 100 anwesenden Umweltminister*innen uns nicht überhören.

Engagierte Jugend in Nairobi

Also erst einmal schauen, was vor Ort überhaupt geht. Gibt es schon eine Gruppe in Nairobi oder wenigstens Kenia? Ich stelle die Frage in einer WhatsApp-Gruppe von jungen afrikanischen Aktivist*innen der vorherigen Umweltkonferenz. Niemand kann mit „Fridays for Future“ etwas anfangen. Eine Reaktion aus Zimbabwe trifft mich besonders: „Yeah, we could try it, but we might get shot.“

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Da sind sie wieder: unsere Privilegien. Wie nichtig und kleinkariert dahingegen unsere deutschen Sorgen um ein paar Fehlstunden auf dem Zeugnis erscheinen. Doch genau das motiviert mich nur noch mehr, unserer Generation Gehör zu verschaffen.

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Auf Instagram entdecke ich dann Youth for Climate Kenya, die tatsächlich zum Klimastreik am 15. März aufrufen. Dahinter stecken zwei Schülerinnen einer Privatschule, sie erwarten hauptsächlich Schüler*innen ihrer eigenen Schule, da ihre Lehrer*innen sie unterstützen. Von anderen Schulen haben sie keine oder ablehnende Antworten erhalten. Der Protest soll im Karura Forest stattfinden, ein Privatgelände direkt neben der UN-Versammlung. Ganz ungefährlich – aber auch völlig unbemerkt von den UN-Delegierten.

Es muss doch möglich sein, diesen friedlichen Klimamarsch vor den Toren der UN stattfinden zu lassen! Dabei raten selbst viele junge lokale Umweltschützer*innen, die ebenfalls bei der UNEA waren, von der Idee ab. Ich müsse drei verschiedene Sicherheitsbehörden zu einer Erlaubnis bewegen: die UN-Security, die lokale Polizeistation und die Security der US-Botschaft, die direkt gegenüber der UNEA liegt.

Die ersten Mühen lohnen sich

Bei allem Gegenwind kann ich aber zunehmend auch auf Unterstützung setzen. Da ist zum einen Passy, eine passionierte junge Klimaaktivistin aus Nairobi. Sie hat selbst bereits zwei Protestzüge für den Erhalt eines Spielplatzes organisiert, wurde dafür aber auch einmal verhaftet. Darüber kann sie inzwischen ganz gut lachen. Ich schneide mir also eine dicke Scheibe Mut von ihr ab und wir statten der lokalen Polizeistation gemeinsam einen Besuch ab.

Der Polizist an der Pforte fragt: „OK, we let you march, but for how much?“, und ich sehe gleich das Klischee von alltäglicher Korruption bestätigt. Als er meinen irritierten Gesichtsausdruck sieht, fängt er aber schnell an zu lachen und winkte es als einen Scherz ab. Er bringt uns zum Polizeichef. Ihm erläutern wir unser Anliegen – mit ständiger Betonung auf „friedvoll“ und „junge Schüler*innen“.

Unsere Mühen lohnen sich: Er sieht in dem geplanten Protest gar kein Problem und bittet nur um einen Brief, in dem wir unser Anliegen noch einmal offiziell formulieren. Eine mündliche Zusage bekommen wir auch von der UN-Security, die uns ebenfalls um einen Brief bittet.

Es ist Sonntag, noch fünf Tage bis zum globalen Klimastreik, als wir die Briefe aufsetzen. Ich bin voller Hoffnung! Hier in Nairobi haben die meisten Geschäfte und Behörden geöffnet, trotzdem sind die wichtigen Ansprechpartner, denen ich den Brief persönlich übergeben möchte, nicht da. Ihn einfach an der Pforte abgeben kommt nicht infrage, davon rät mir sogar die Polizei selbst ab.

Schocknachricht aus Äthiopien

Montag versuchen Passy und ich es schon zum vierten Mal bei der Polizeistation, als uns die Nachricht von einem Flugzeugabsturz in Äthiopien erreicht. Unter den 157 Opfern sind auch viele Delegierte und UN-Mitarbeitende, die auf dem Weg nach Nairobi waren. Mit vier tödlich verunglückten kanadischen Jugenddelegierten hatte ich mich noch für denselben Tag verabredet. Die Stimmung ist gedrückt, es gibt Schweigeminuten und Terminänderungen.

Der Schock paralysiert mich, ich kann für lange Zeit nicht denken, nicht lesen, nicht sprechen. Es braucht viele aufmunternde Worte, bis auch mir klar wird: Es muss weiter gehen. Jetzt erst recht!

Als Passy erneut mit mir zur Polizei will, ergibt sich für mich spontan die Möglichkeit, direkt zu den UNEA-Abgeordneten zu sprechen. Also genau das, was ich die ganze Zeit schon will. Eine kleine Rede zur Plastikproblematik und den Herausforderungen unserer Generation. Mir bleiben nur zwei Stunden zur Vorbereitung. Ich sage Passy, dass sie dieses Mal allein gehen muss. Sie schaut mich ängstlich an: „Du musst mitkommen!“ – „Wieso?“ Die Antwort ist: Diskriminierung. Ich könne als Weiße Person größeren Druck ausüben. Das will ich nicht glauben. Am Ende geht Passy allein los.

Prominente Unterstützung für „Fridays for Future“

Neben Passy und lokalen Aktivist*innen bekommen wir aber auch immer mehr prominente Unterstützung – und damit öffentliche Legitimität. Joyce Msuya, Leiterin von UNEP, dem Umweltprogramm der UN, äußerst sich in einer Rede positiv über die FFF-Proteste in Brüssel. Sofort twittere ich sie an, ob sie nicht auch Teil des ersten Klimamarschs in Nairobi sein möchte. Sie ist begeistert und lässt es in ihren Terminkalender eintragen.

Ich möchte nichts unversucht lassen und erwische den Vorsitzenden der UNEA, den estnischen Umweltminister Siim Kiisler. Ich spreche ihn darauf an, wie enttäuscht unsere Generation von fehlenden Mitsprachemöglichkeiten und vor allem fehlenden Taten ist. Er schaut besorgt drein und antwortet, dass er meinen Kontakt an das UNEP-Sekretariat weitergibt. War das wieder eine dieser diplomatischen Abfuhren?

Nein. Am nächsten Tag finde ich eine E-Mail der UNEP im Postfach, sie würden gerne mit mir über die Einbindung von jungen Menschen bei der UNEA sprechen. Die Mitarbeiterin ist selbst Mitte Zwanzig und sofort auf meiner Seite. Sie ruft weitere Kolleginnen dazu und ist zuversichtlich. Wir könnten einen der fünf „inspirational speaker slots“ für eine Rede und eine Videobotschaft bekommen. Ob Greta Thunberg auch eine Botschaft übermitteln kann? Klar, sie darf als Ideengeberin der FFF-Proteste nicht fehlen. Ich schreibe ihren Pressekontakt an.

WhatsApp-Nachrichten, Gruppengespräche und Telefonate bestimmen den Tag. Vor allem mit den lokalen Organisatorinnen bin ich viel in Kontakt darüber, wie sich noch mehr junge Menschen in Nairobi mobilisieren lassen. Leider kaum. Es ist Prüfungszeit, bei unentschuldigtem Fehlen droht Nachsitzen, oft ist unbegleitetes Verlassen der Schule nicht möglich. Das strenge Schulsystem zusammen mit der angespannten Sicherheitssituation und teilweise überbesorgten Eltern machen es den Schüler*innen schwer bis unmöglich, am Streik teilzunehmen. Wieder so ein Moment, in dem mir unser westliches Privileg deutlich wird.

Erst beflügelt – dann maßlos enttäuscht

Tagelang hören wir nichts von der Polizei, werden bei hartnäckigen Nachfragen am Telefon nur beruhigt: Das würde schon alles in Ordnung gehen. Wir gehen schließlich ein Risiko ein und veröffentlichen die Demo-Route mit einem Treffpunkt vor der UN ohne offiziellen Segen.

Dafür ist die Begeisterung, die ich innerhalb der UN für den Klimamarsch erhalte, enorm. Die Unterstützung kommt von der Zivilgesellschaft, Medien und sogar Mitarbeitenden der UN und Delegationsmitgliedern selbst. Das beflügelt (und macht die Nachtschichten erträglich).

Donnerstagabend, kein Tag mehr bis zur Demo, ein Anruf von der Polizei: Man habe Sicherheitsbedenken, wir dürfen nicht vor der UN protestieren. Ernsthaft? Auf einmal? Einen Abend vorher absagen? Wir versuchen, zu verhandeln: Wenigstens 20 Personen? Nein. Ohne Polizeierlaubnis keine Demo. Ich muss an Passys Verhaftung denken. Gemeinsam beschließen wir, die Demo wie ursprünglich geplant im Wald stattfinden zu lassen. Wir sind maßlos enttäuscht.

Es folgt eine weitere schlechte Nachricht: Der Plan, wenigstens mit einer kleinen Gruppe der Schüler*innen in die UN zu gehen und vor den Delegierten zu sprechen, klappt nicht. Dafür funktioniert die Live-Videobotschaft.

Das erste Mal Fridays for Future in Nairobi

Der Freitag des Klimastreiks fängt dann mit vielen Presseanfragen und Interviews an. Gleichzeitig muss Verwirrung um die Route in sämtlichen sozialen Kanälen aufgeklärt werden; es zirkulierten nämlich zwei unterschiedliche Startpunkte, beide etwa eine Stunde zu Fuß voneinander entfernt.

Um 14 Uhr ist es dann so weit; die ersten Schulbusse fahren auf den Parkplatz des Waldes, unter den Leuten, die aussteigen, sind auch viele engagierte Lehrer*innen. Weiter kommen wir aber nicht. Sobald die Ranger unsere bunten Schilder sehen, bekommen sie Angst und lassen uns trotz vorheriger Absprache nicht in den Wald.

Ich will meinen Augen nicht trauen. Nach all den Enttäuschungen und Absurditäten in dieser Woche dürfen wir Umweltschützer*innen nicht einmal im Wald demonstrieren?!

Immerhin sind wir inzwischen geübt im Improvisieren. Und: Das hartnäckige Rühren der Werbetrommel hat gewirkt, viele Medienvertreter*innen sind bereits da. Nach Berliner Vorbild bilden wir einen Halbkreis und rücken die Schilder in Position. Es werden kleine Reden gehalten, Parolen gerufen und viele Bilder gemacht. Und dann ist er auch schon vorbei, der erste Fridays-for-Future-Streik in Nairobi. Aber ich bin mir sicher, bald werden auch hier in Nairobi so viele (junge) Menschen auf die Straße ziehen, dass selbst eine Kundgebung vor der UN nicht mehr abzuwenden ist.

Der Protest macht klar: Es ist eine globale Klima- und Umweltkrise und wir sind eine globale Bewegung. Das hier ist erst der Anfang.

Lasst uns unser Privileg nutzen

Genau diese Botschaft trage ich zurück in den UN-Konferenzsaal, wo ich sie an die Delegierten übermittle. Ich bin wütend und bringe das zum Ausdruck. Ich habe keine Angst, die brutale Wahrheit auszusprechen. Ich verstehe meine Rede auch als Erklärung einer ganzen Generation; von jungen Menschen, die wütend, enttäuscht und frustriert sind – und von der Politik endlich Taten im Kampf gegen die Klimakrise sehen wollen.

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Aber, immerhin: Diese intensive Woche hat mich vieles gelehrt. Zum Beispiel, dass man viel Unterstützung erfahren kann, wenn man sich leidenschaftlich für eine gute Sache einsetzt. Oder dass eben nicht alles nach Plan A, sondern manchmal auch nach Plan B oder C läuft.

Aber vor allem möchte ich allen da draußen zeigen, was für ein großes Privileg wir in den unseren westlichen Ländern genießen. Wir können meist ohne ernsthafte Konsequenzen unsere Meinung frei äußern und Demonstrationen organisieren. 
Wir haben das Recht, und nach diesen Erfahrungen auch die Pflicht, unsere Stimme für diejenigen zu erheben, die dieses Privileg nicht haben. Wir sind noch lange nicht am Ende. Lasst uns unsere Stellung ernsthaft nutzen und noch lauter werden, in Solidarität mit den Menschen, die das nicht können.

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