Initiativen gegen Rechts

Hasen gegen Hassen

Lesezeit:
4 minuten

21 December 2017

Titelbild: Kaboompics / Pexels

Wie geht man gegen Rechtspopulismus, Hass und Hetze um? Ein Schokohase macht den Einstieg

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4 minuten

21 December 2017
Silikonringe, Schokohasen, Gesellschaftsspiele – das sind nur einige der Werkzeuge, mit denen Initiativen gegen Hass und Hetze arbeiten

Nach einem Klingelschild von „Kleiner Fünf“ sucht man an der verabredeten Adresse vergeblich. Aus Angst vor ungebetenen Besuchern? Paulina Fröhlich lacht. „Nein, wir sind erst vor Kurzem hergezogen.“ Der nicht ganz saubere Lidstrich betont die Schatten unter Fröhlichs müden Augen. Aktivismus zehrt. Die Initiative Kleiner Fünf setzt sich dafür ein, dass rechtspopulistische Parteien weniger als fünf Prozent der Stimmen erhalten und somit den Einzug in den Bundestag verpassen. Die 26-Jährige zieht Bilanz: ein Jahr, drei Kampagnen, 150 aktive Mitstreiter, viele Medienberichte und eine neue Aufmerksamkeit für die Demokratie. Und der Einzug der AfD in den Bundestag. Doch damit fängt für Fröhlich die Arbeit erst an.

„Wir plädieren für Haltung statt Hass und Hetze und veranschaulichen mit rhetorischen Tipps, wie man gegenüber Rechtspopulisten radikal höflich bleibt“, sagt Fröhlich und nimmt einen tiefen Zug von ihrer Zigarette. Dass Gelassenheit nicht immer gelingt, weiß sie aus eigener Erfahrung. Im Sommer des letzten Jahres gerät sie in einem Münchner Café an einen Mann, der unverblümt gegen Flüchtlinge wettert. „Ich war am Ende dieses Gesprächs derart fertig, dass ich weinen musste.“ Ihre Erfahrung teilt Fröhlich auf Facebook und schließt sich kurze Zeit später – als die AfD in den Umfragen bundesweit bereits zweistellig prognostiziert wird – mit Freunden und Bekannten zusammen, Kleiner Fünf ist geboren.

Radikal höflicher Aktionismus gegen Rechts

Dass der Einzug der AfD in den Bundestag am Ende nicht mehr zu verhindern war, hat sie nicht überrascht, aber dennoch schockiert. Einige lagen sich bedrückt in den Armen, andere waren wütend oder wie erstarrt, erzählt Fröhlich. Sie weiß, dass ihre Initiative auf eine langfristige Veränderung setzt. „Wir werden aufmerksam verfolgen, was die AfD in den Landesparlamenten und im Bundestag macht.“ Dann holt sie noch einmal tief Luft und ergänzt mit kraftvoller Stimme: „Wir werden politisch aktiv bleiben und denen zeigen, wie ein demokratisches und solidarisches Miteinander geht.“ Den Fahrplan dafür hat Kleiner Fünf ja bereits: sachlicher und ebenso mutiger wie radikal höflicher Aktionismus gegen jede Form der Angst.

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Telefonate mit dem „Mustermigranten“

Stadt, Land, Hoffnung? In einer europaweiten Studie aus dem letzten Jahr mit knapp einer Million Teilnehmern aus 35 Ländern erklärten 78 Prozent der befragten 18- bis 34-Jährigen, sich vor Nationalismus und Populismus zu fürchten. Viele äußern ihr Misstrauen gegenüber der Politik, 60 Prozent wären jedoch willens, sich politisch zu engagieren. Erklärt also Angst den plötzlichen Aktionismus?

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„Für mich ist mit Clausnitz mein persönliches Fass übergelaufen“, formuliert es Ali Can. Im Februar 2016 besetzten wütende Demonstranten in Clausnitz eine Flüchtlingsunterkunft und brüllten den ankommenden Flüchtlingen „Wir sind das Volk!“ entgegen. Ali Can ist Gründer der deutschlandweit ersten Hotline für besorgte Bürger. Dort kann man dank der überwiegend ehrenamtlichen Mitarbeit einer Handvoll Freunde Cans inzwischen von Sonntag bis Donnerstag kostenlos jeweils zwei Stunden Befürchtungen loswerden. So auch das hier im Auszug wiedergegebene Telefonat mit Herrn S. aus Dresden:

S.: „Das fanden wir alle sehr interessant, dass Sie mit uns Ostdeutschen sprechen möchten. Also habe ich mir gedacht, ich rufe Sie mal an und frage Sie einiges.“ Can: „Gerne. Dafür bin ich ja da.“ S.: „Hut ab – wir finden es gut, dass Sie sich in unserer Kultur integrieren wollen. Aber Sie leben nicht in Sachsen, oder?“ Can: „Ich lebe in Hessen, wohne aber zur Zeit in Berlin.“ S.: „Sie meinen, man kann die Kulturen vermischen, sodass wir uns nicht vor Flüchtlingen fürchten müssen. Ich habe nichts gegen Asylanten, aber ich habe ein Problem mit dem Islam, wissen Sie?“ Can: „Ich verstehe.“

Can reagiert einsichtig, baut Vertrauen zu wildfremden Menschen auf, indem er selbst private Dinge preisgibt und ihre Meinung erst einmal wertfrei stehen lässt. Das macht ihn glaubwürdig, sympathisch. In seinem Buch formuliert er ganz offen: „Es ist auch nicht außergewöhnlich oder gar unmenschlich, zunächst in ein Schubladendenken zu verfallen und auf Populisten zu hören, wenn man noch nie Kontakt zu geflüchteten Menschen, Muslimen und Migranten hatte.“

Zuhören, wertschätzen, nicht verurteilen

Ins Leben gerufen hat Can diese neue Form der Telefonseelsorge, nachdem er im Frühjahr 2016 in mehreren ostdeutschen Städten den Kontakt zu Pegida-Anhängern und AfD-Sympathisanten gesucht hatte. Warum? „Ich wollte damals verstehen, was los ist.“ Sein Joker: ein Schokohase und sein außerordentlich höfliches Auftreten. „Bevor ich mit meinen Gesprächspartnern über politische Themen sprach, sagte ich zuerst etwas Unverfängliches“, erinnert er sich. Weil aber auch harmlosere Einstiege nicht immer glücken, besinnt sich Can aufs Zuhören. Gemäß dem Motto: Zuhören heißt ja nicht gleich zustimmen. Obwohl er sich auch dafür im Zweifel nicht zu schade ist. Can möchte nicht von Wutbürgern sprechen. „Ich will zuhören und wertschätzen, nicht verurteilen“, betont er mehrmals. Sich selbst bezeichnet er lakonisch als „Mustermigrant“ oder „Migrant Ihres Vertrauens“. „Die meisten Leute haben angesichts der Flüchtlinge Angst um die Sicherheit und den Wohlstand in Deutschland“, erzählt er. Er sieht eine Bringschuld bei hier geduldeten Geflüchteten und verlangt deren sichtbaren „Willen zur Integration“.

Obwohl sich die zwei Projekte an unterschiedliche Zielgruppen wenden, geht es beiden um Aufklärungsarbeit und die Überwindung von Spaltungstendenzen in Familien, Freundeskreisen und der gesamten Gesellschaft. Dafür wollen sie Erfahrungen sammeln statt Likes. Und rufen ihre Anhänger dazu auf, es ihnen gleich zu tun. „Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Rechten weiter mobilisieren und politisieren und wir anderen nur reagieren“, sagt Paulina Fröhlich.

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Als sie an einem Abend durch den Berliner Bezirk Wedding läuft und Plakate für Kleiner Fünf verteilt, stoppt Fröhlich bei einem älteren Mann, der sich an diesem Abend um seinen Garten kümmert. Sie hält ihm einen türkisfarbenen Silikonring hin. „Wollen Sie mit mir wählen gehen?“, fragt sie lächelnd. Doch der lässt seinen Frust raus und schimpft auf die Parteien. Die Erfahrung aber, dass ihm Aufmerksamkeit geschenkt wird, entspannt sein Gesicht nach und nach. „Wählen gehe ich deswegen aber trotzdem nicht“, raunzt er Fröhlich zum Abschied zu.

Nach den Hochrechnungen der Bundestagswahl ist sie mit ihren Teamkollegen und anderen Mitstreitern auf die Wiese vor den Reichstag gepilgert. „Wir wollten nicht resignieren und uns auch nicht demonstrierend beklagen, sondern ein Zeichen setzen.“ Vier Minuten schweigen als Auftakt für vier Jahre laut sein.

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